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November 19 2009

janaherwig
00:22

Warum Armin Thurnher den #wolo09 nicht bekam – was wirklich geschah


VERKEHRTE WELT: Gestern abend wählte ich, die Bloggerin, die Telefonnummer von Journalistin Ingrid Brodnig, um herauszufinden, wie es zu folgender Meldung im aktuellen Falter gekommen war.

„Ingrid Brodnig saß vergangene Woche in der Jury des Wolfgang-Lorenz-Gedächtnispreises. ORF-Programmdirektor Lorenz hatte seinerzeit das ‘Scheiß-Internet’ verdammt. Mit letzter Kraft verhinderte Brodnig, dass Falter-Chefredakteur Armin Thunrher abgepreist wurde. Statt seiner bekamen die Wiener Grünen den Award.“

Ingrid Brodnig by Karola RieglerNicht so wichtig, dass der Preis Gedenk- und nicht Gedächtnispreis hieß – hier ist das Ergebnis des Telefonats: Brodnig hat selbstverständlich nie in der Falterredaktion behauptet, sie hätte die Abpreisung Thurnhers mit letzter Kraft verhindert – und sie hat auch nicht versucht, auf ihre KollegInnen Einfluss zu nehmen, als diese die Meldung verfassten (wobei man sich hätte wünschen können, dass ihre KollegInnen sie kontaktiert hätten). Nichts anderes hatte ich übrigens erwartet, da Ingrid auch im Vorfeld der Preisentscheidung für den Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis für internetfreie Minuten an keiner Stelle versuchte auf die Entscheidung Einfluss zu nehmen, soll heißen: weder pro noch contra Preis-für-Thurnher argumentierte.

Tatsächlich war sie zu dem Zeitpunkt, an dem Manfred Bruckner, Johannes Grenzfurthner, Thomas Thurner und ich in der MQ Kantine über die Preisvergabe befanden, vor Ort im Audimax, um die Hintergründe der Studierendenproteste zu recherchieren. Hätte sie Einfluss nehmen wollen, hätte sie das über die laufende Emailkommunikation jederzeit tun können – integer wie sie ist, hat sie das natürlich nicht getan, sondern hat sich auf die Recherche der von ihr betreuten Nominierungen (Jako/Jack Wolfskin für den Blogger-Abmahnwahn, Wolfgang Schüssel fürs Lebenswerk) konzentriert.

Als sie die Meldung gestern morgen las, so berichtete sie mir, interpretierte sie das ganze als einen internen Redaktionsschmäh. Auch wisse sie nicht, ob diese Meldung vorher von Armin Thurnher gegen gelesen worden war oder nicht – darf ich meine persönliche Vermutung äußern, dass es sich um ältere und/oder männliche KollegInnen handelte, die diese Meldung verfassten?

Gestoßen war ich auf diese Meldung übrigens via Martin Blumenaus Journal (und kopiere daher auch den Dreher im Namen mit, wo auch immer der sich zuerst ereignete), und mit dieser seiner Ansicht sympathisiere ich sehr:

Wie steht Ingrid Brodnig, von Thurnher eh gern öffentlich als unkritische Coke-Zero-Trinkerin belächelt, denn jetzt da? Als ergebenes Tschapperl, als uneigenständige Leibeigene, als biederes Unterläufel.

Mir ist völlig klar, worauf die bevorstehende Verteidigungs-Strategie hinauslaufen wird: es war doch ironisch gemeint. Abgesehen davon, das der Rest der nämlichen „Aus der Verlag“-Spalte auch komplett unironisch und faktenaufzählend ist, wäre auch das keine akzeptable Ausrede. Der Schaden für Brodnig ist so und so angerichtet.

Hier ließen sich jetzt etliche Reflexionen zum Verhältnis von Journalismus und Blogging anschließen – etwa, dass Blogs unabhängig von der Verkaufsfrage oder dem zu Verfügung stehenden Seitenvolumen diskutieren können, was immer den AutorInnen relevant erscheint (auch so kleine Meldungen wie die im Falter!) , dass etwa auf Blogs die Studierendenproteste intensiv diskutiert wurden, während der Falter sich noch nicht zum Audimax-Cover entscheiden konnte, und dass zur gleichen Zeit die eigenen blinden Flecken, die sich etwa in dieser Meldung äußern, ebenso aus dem Blickfeld der hier Agierenden geraten, wie sich natürlich auch BloggerInnen wie ich nicht über anonyme Flamewars auf derstandard.at definieren.

Was für mich in dieser Meldung aber im Zentrum steht, ist die herablassende Sicht auf die Arbeit Ingrid Brodnigs – wie Blumenau höre ich alle Gegenargumente, „alles nur ironisch“, „war doch nur eine kurze Meldung“, „war eh nur ein Schmäh“, etc. pp. Hey! Wer die Gelegenheit hatte, Ingrid Brodnigs Arbeit näher kennen zu lernen (und ich hatte das z.B. im Rahmen der Grünen Vorwahlen), der weiß, dass sie für den österreichischen Journalismus der nächsten 30 Jahre nicht nur relevant, sondern eine der großen Stützen sein wird: mit Blick auf die Genauigkeit der Recherche, mit Blick auf dem Umgang mit InformantInnen, mit Blick auf die persönliche Integrität von der sie sich leiten lässt.

Wer das nicht sieht, und wer solche Meldungen verfasst, ist vermutlich nur neidisch oder hat Angst vor ihrer Konkurrenz. Und gerade Frauen, erst recht junge Frauen, werden ja gerne in dieser Weise gedisst. Shame on them, whoever they were!

Je nun. Der Hauptfürsprecher dafür, dass Thurnher den Preis nicht bekam, war ein ganz anderer, und wer es war, kann man gut der dokumentierten Mashup-Nominierungsrede entnehmen. Er hat uns nicht weichgeklopft, sondern überzeugt – abgesehen davon geht’s mir wie Martin Blumenau:

Die Internetdebatte hängt mir vollends zum Halse heraus – auf eine Neuauflage durch eine Preisvergabe an Thurnher hatte ich sicher keine Lust. Davon abgesehen: Niemand im Web braucht Thurnhers Segen, um auch weiterhin das zu machen, was einen interessiert: genau beobachten, Details diskutieren für die sich kein Printmedium interessieren kann, Blogs den Anlass für Reliteralisierung sein lassen, und uns nicht ins Bockshorn jagen lassen von denen, die Blogging diskreditieren wollen, um Kritik und freie Meinungsäßerung klein zu halten.

(Pic by Karola Riegler)